Zum 5. Mal war ich nun auf der Manage Agile Konferenz in Berlin und bin mit einem zufriedenen Lächeln wieder nach Hause gefahren. Vor 5 Jahren wurde diese Konferenz ins Leben gerufen und hat damit eine Lücke geschlossen. Die zentrale Frage: Welche Rolle spielt das Management im Zusammenhang mit dem Wunsch nach agiler Transition? Damals war die neue Erkenntnis, dass agile Vorhaben ohne den Support des Managements auf Dauer kaum nutzbar sind und verkümmern werden. Heute ist die Erkenntnis, dass Agilität ohne den Wandel des Managements selbst kaum Chancen hat, nachhaltig zum Unternehmenserfolg beizutragen.

Aber geht es denn immer um Agilität? Schon seit einiger Zeit habe ich den Eindruck, dass sich in den einschlägigen agilen Netzwerken alles nur noch unreflektiert um Agilität um jeden Preis dreht. Jedes Unternehmen, das nicht auf den Zug aufspringt, sei einfach falsch bzw. selbst schuld und zum Scheitern verurteilt.

Ist es agil, stur die Agilität als einzige Lösung für Unternehmenserfolg anzusehen? Ich meine nicht! „Agile“ bedeutet im Deutschen „beweglich“ – und das ist das Gegenteil von stur. Ich habe Agilität seit jeher als Antwort auf meine Fragen im Umgang mit meinen Herausforderungen gesehen. Herausforderungen, die mit klassischen Methoden einfach nicht mehr zu meistern waren. Und zugegeben, auch ich bin dem Charme der Agilität verfallen und war zeitweise der Meinung, dass Agilität die Antwort auf alles sei.

Es ist schön zu sehen, dass sich auch Agile weiterentwickelt hat. Damit das geschehen konnte, war es nötig, dass Fragen gestellt wurden: „Warum sind Unternehmen, die durch und durch agil sind, erfolgreicher als klassische, eher hierarchisch organisierte Unternehmen?“ Diese Frage ist heute beantwortet. Es hat mit dem Marktumfeld, genauer mit den Markteigenschaften zu tun, denen ein Unternehmen ausgesetzt ist.

Allgemein kann ich festhalten: Agilität ist immer in Umgebungen nützlich, in denen komplexe Bedingungen vorherrschen. Dabei ist komplex nicht dasselbe wie kompliziert. Im Komplizierten lässt sich mit genügend genauer Analyse ein System gut beschreiben und vorhersagen. Im Komplexen liegt die Herausforderung in unbekannten, überraschenden Ereignissen, die nicht vorhersehbar sind. Womit gleichzeitig begründet ist, warum die agile Transition in vielen Unternehmen auf dem Vormarsch ist: Immer mehr Unternehmen finden sich in immer komplexeren Umgebungen wieder. Grund dafür ist die Digitalisierung und die komplexen Anforderungen eines digitalen, extrem schnell wandlungsfähigen Marktes. Industrie 4.0 ist ein eng verknüpftes Resultat der Digitalisierung. Spinnt man den Faden weiter, gelangt man zu Arbeitswelt 4.0, Organisation 4.0 usw. Um herauszufinden, in welchem Umfeld sich ein Unternehmen (oder auch nur Teile eines Unternehmens) befinden, sind mittlerweile verschiedene Modelle entwickelt worden. Das Stacey Diagramm oder auch das Cynefin Framework von Dave Snowden geben Orientierung.

Womit wir wieder beim Anfang dieses Blog-Artikels wären: Grundidee jeglicher Agilität ist das Lernen aus Erfahrung, das Sich-Anpassen an den jeweiligen Kontext. Deshalb beginnt alles mit der Frage: In welchem Umfeld befinde ich mich? Nicht jedes Unternehmen bewegt sich in einem komplexen Kontext. Eine Brauerei z.B. braut Bier und der Fokus liegt auf hocheffizienten Braumethoden, Füllstraßen und Logistik.

Auf der diesjährigen Manage Agile Konferenz wurde dieser Gedankengang immer wieder aufgegriffen: In welchem Umfeld befinden wir uns, welche Ansätze machen hier Sinn? Das ist es, was mir das Lächeln ins Gesicht gezaubert hat. Die Erkenntnis, dass Agile nicht einfach eine Blaupause und Antwort auf alle Fragen ist, sondern dass auch in der Anwendung von Agile stets beachtet und immer wieder überprüft werden muss, ob es nicht passendere Ansätze für die jeweiligen Herausforderungen gibt. Das ist agil!

Die Coaches von Teamprove stellen deshalb ganz bewusst nicht Agile als DIE eine Lösung dar, sondern sehen Agile als EINE Antwort, die für Unternehmen passt, die sich in komplexen Umfeldern befinden. Deshalb stellen wir vor Beginn jeglicher Beratungsarbeit zuerst die Frage nach dem unternehmerischen Kontext und der aktuellen Zielvorstellung.

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Als erfahrener Agile Coach und Scrum Master hat unser ehemaliger Kollege Markus Fuchs unsere Kunden bei der Verschlankung von Prozessen und der Anpassung an dynamische Märkte unterstützt. Sein Fokus: agile Methoden, eine informelle Unternehmenskultur und Lean Management.

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