Bitte versetzen Sie sich kurz in die folgende Situation: In Ihrem Posteingang landet eine Termineinladung mit “Prio hoch” und dem Betreff “Fehler in der Produktion – sofortiger Auslieferungsstopp!!!!” (Ersetzen Sie gerne “Fehler in der Produktion” durch “Druckfehler in der Broschüre”, “Bug in der Software” oder einen anderen Unternehmenskontext, der zu Ihnen passt.) Welche Gedanken und Gefühle löst dieses Mail bei Ihnen aus?

Im besten Fall: “O je, da ist was schief gelaufen, mal schauen, wie wir gemeinsam die Kuh vom Eis kriegen.”

Deutlich häufiger sind aber vermutlich Gedankengänge wie …
“Ich glaub, mir wird schlecht.”
“Na toll, jetzt wird sicher der Bonus gestrichen.”
“Das hat bestimmt wieder das dämliche Team in der Niederlassung xy verbockt.”
“Ich habs doch gleich gesagt, bei den miesen Voraussetzungen hier kein Wunder.”
“Ob ich wohl mit schuld bin und die Abmahnung schon auf dem Weg ist?”
“Wir gehen pleite!”
“Mir doch egal, interessiert mich nicht.”

Unabhängig von Job, Position und Qualifikation: Welche Gedanken- und Gefühlskaskade abläuft, hängt davon ab, welche sozialen/wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Umgangsformen in einem Unternehmen etabliert sind. Der Begriff einer offenen, positiven Fehlerkultur ist inzwischen omnipräsent, ebenso der Wunsch nach einer Lernkultur. Häufig fehlen aber die passenden Rahmenbedingungen.

Nicht falsch verstehen: Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus das Fehlermachen zu fördern oder Inkompetenz unter dem Deckmantel einer Fehlerkultur zu kaschieren, damit das Unternehmen lernen kann. Fehlervermeidung ist richtig und wichtig, Qualität und Sicherheit sind ein hohes Gut.

Doch Fehler passieren. Leider werden sehr oft Fehler mit Scheitern, Unzulänglichkeit und Misserfolg gleichgesetzt. Warum? Was hindert Unternehmen daran, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit uns Betreffzeilen wie die obige nicht mehr Schweißperlen auf die Stirn treiben? Warum werden die Begriffe Fehlerkultur und Lernkultur zu inhaltsleeren Buzzwords?

An den Kosten für die Etablierung einer Fehlerkultur kann und sollte es nicht liegen. Bereits 2008 (ja, so lange ist das schon her) erschien im Münchner Wochenanzeiger ein Hinweis auf eine Analyse des Gießener Organisationspsychologen Michael Frese, dass Unternehmen mit einer positiven Fehlerkultur bis zu 25 Prozent profitabler wirtschaften. Jetzt könnte man anfangen zu rechnen, was es die Unternehmen in den letzten Jahren gekostet haben muss, sich mit den Themen Fehler- und Lernkultur nicht aktiv auseinandergesetzt zu haben.

Tatsächlich ist vielen Unternehmen durchaus bewusst, wo es hakt und welche Rahmenbedingungen theoretisch vorhanden sein sollten. Aber die Umsetzung in die Praxis hakt. Es fehlt beispielsweise an Kommunikation, Transparenz, Equipment, Aus- und Weiterbildung, Spielraum zum Experimentieren, ebenso an respektvollem Umgang sowie an Zutrauen und Vertrauen in die Fähig- und Fertigkeiten der Mitarbeitenden.

Unternehmen, die sich intensiver mit den Themen Prävention, Fehlerkultur und Lernende Organisation auseinandersetzen und aktiv werden möchten, können inzwischen auf eine Vielzahl von Beratungs- und Unterstützungsangeboten zurückgreifen. Das war im Jahr 2008 noch nicht so einfach möglich.

Hier als Impuls eine kleine Checkliste möglicher Handlungsfelder:

  • Lernräume schaffen

  • Wissensmanagement etablieren / verbessern

  • Gemeinsames Verständnis zu Umgangsformen und Kommunikation aufbauen

  • Kommunikationswege definieren

  • Regelmäßige Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen anbieten

  • Arbeitsplatz/Arbeitsmittel in angemessener Qualität/Standard zur Verfügung stellen

  • Zeit für Aufgaben und Projekte ausreichend bemessen

  • Transparente Informationspolitik pflegen

  • Regelmäßige Slots für Feedbackgespräche und Retrospektiven einplanen (und einhalten)

  • Leitbild zum Umgang mit Fehlern erstellen und leben

  • Organisationale Strukturen für eine Fehlerkultur aufbauen (z.B. Community of Practice)

Unser Buchtipp zum Thema “Fehlerkultur”

Errors in Organizations (SIOP Organizational Frontiers)
Englische Ausgabe von David A. Hofmann / Michael Frese

Quellenangabe:
https://www.wochenanzeiger.de/article/77505.html

Bildquelle canva.com

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