Egal ob im Job oder privat: Wir brauchen Hilfe – mal mehr, mal weniger. Mal einfach, mal schwierig. Das Auto muss in die Werkstatt, ein Patient umgebettet werden. Der Wasserhahn tropft. Die Kinderbetreuung fällt aus. Die Bachelorarbeit braucht ein Korrektorat.

Für manches finden wir digitale Lösungen: KI lektoriert Texte, Tutorials erklären Reparaturen. Doch sobald es körperlich, emotional oder organisatorisch wird, reicht Technik nicht mehr. Dann ist Anpacken gefragt.

Hilfe und Helfen gestalten ist auch ein Führungsthema

Nehmen wir wahr, wenn jemand Unterstützung braucht? Trauen wir uns – gerade im beruflichen Kontext – Hilfe zu erbitten? Sind Führungskräfte und Teams bereit, Hilfe nicht nur zu leisten, sondern auch fürsorglich zu gestalten?

In Unternehmen gilt Hilfsbereitschaft als Element guter Teamarbeit. Gleichzeitig ist sie heikel. Wer Hilfe braucht, könnte als überfordert gelten. Wer Hilfe anbietet, mischt sich vielleicht ein und wer regelmäßig hilft, läuft Gefahr, selbst zu viel zu tragen. Insbesondere Führungskräfte bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Leistungsanspruch, Fürsorgepflicht und Eigenverantwortung der Mitarbeitenden.

Häufig wird übersehen, dass Helfen und Hilfe annehmen zentrale soziale Kompetenzen sind, untrennbar mit gesunder Führung verbunden. Es geht um:

  • Aufmerksamkeit für Belastung und Überforderung
  • Verantwortung für gesunde Arbeitsbedingungen
  • klare Grenzen zwischen Unterstützung und Abhängigkeit
  • Stärkung von Selbstverantwortung

Für Führungskräfte heißt das, fürsorglich zu führen, ohne ihre Mitarbeitenden zu bevormunden.

Für Teams bedeutet das, sich gegenseitig zu unterstützen, ohne sich selbst zu verlieren.

Helfen erfordert Kompetenzen

Gute Hilfe ist kein Reflex, sondern eine bewusst gestaltete Entscheidung.

  • Wahrnehmungsfähigkeit: Anzeichen von Überlastung, Unsicherheit oder Stillstand erkennen können
  • Passung: Hilfe anbieten, die zur Situation und zur Person passt
  • Dialogfähigkeit: Nachfragen statt vorschnell lösen
  • Grenzen setzen: Wissen, wie viel Unterstützung angemessen ist
  • Rollenbewusstsein: Als Führungskraft anders helfen als als Kolleg:in

Nicht jede gut gemeinte Unterstützung ist hilfreich. Sie kann Lernchancen nehmen, Verantwortung verschieben oder ungesunde Arbeitsmuster stabilisieren. Dann wird Hilfe zur Entlastung auf Kosten der Entwicklung: Probleme werden kurzfristig gelöst, aber langfristig nicht bearbeitet und Mitarbeitende verlassen sich auf Unterstützung, statt eigene Lösungen zu entwickeln. Häufig kompensieren Führungskräfte dann strukturelle Defizite durch persönlichen Einsatz, Teams gewöhnen sich daran, Belastung stillschweigend mitzutragen.

Fürsorgliche Hilfe bedeutet deshalb auch, nicht sofort einzuspringen. Sie hält Spannungen aus, stellt Fragen, fördert Selbstwirksamkeit und macht Verantwortung sichtbar. Gerade Führungskräfte sind gefordert, zwischen Unterstützung und Übernahme zu unterscheiden und Hilfe so zu gestalten, dass sie stärkt, statt abhängig zu machen.

Doch wie sieht es mit denen aus, die Hilfe benötigen? In vielen Organisationen ist nicht das Helfen das Problem, sondern das Hilfe-Annehmen.

Hilfe annehmen erfordert Kompetenzen

Hilfe anzunehmen fällt nicht immer leicht, insbesondere in beruflichen Kontexten.

  • Selbstreflexion: Eigene Grenzen erkennen
  • Mut: Hilfe einfordern, bevor Überforderung entsteht
  • Klarheit: Benennen, wofür konkret Unterstützung gebraucht wird
  • Verantwortung: Hilfe nutzen, ohne sie abzugeben
  • Lernbereitschaft: Unterstützung als Entwicklungschance sehen

Teams, in denen Hilfe angenommen werden darf, sind belastbarer, lernfähiger und resilienter. Psychologische Sicherheit dient hier als Grundlage von Hilfe und Fürsorge, denn sie ermöglicht:

  • Fehler ansprechen zu dürfen
  • Unsicherheiten zeigen zu können
  • Fragen zu stellen, ohne sich zu rechtfertigen
  • Unterstützung zu bekommen, ohne bewertet zu werden

Führungskräfte prägen diese Kultur maßgeblich – durch ihr eigenes Verhalten im Umgang mit Hilfe, Überforderung und Fürsorge.

Wie sichtbar muss Hilfe sein?

Vielleicht ist die entscheidende Frage für Organisationen nicht, ob geholfen wird, sondern wie bewusst und wie fürsorglich. Hilfe braucht Sichtbarkeit – nicht als Heldentat, sondern als selbstverständlicher Teil professioneller Zusammenarbeit. Und sie braucht Sprache: für Bedürfnisse, Grenzen, Verantwortung und gegenseitige Fürsorge.

Wenn Hilfe-Geben und Hilfe-Annehmen bewusst gestaltet werden, entsteht mehr als nur Entlastung im Alltag. Teams arbeiten klarer zusammen, Verantwortung wird transparenter verteilt und Fehlbelastungen werden früher sichtbar. So sinkt das Risiko von Überforderung und Erschöpfung, während Lernfähigkeit, Vertrauen und Leistungsfähigkeit wachsen – nicht trotz, sondern gerade wegen einer Kultur, in der Unterstützung selbstverständlich ist.

Sie möchten Fürsorge bewusster gestalten?

 Lassen Sie uns ins Gespräch kommen! In einem Team-Workshop oder Führungskräfte-Coaching arbeiten wir gemeinsam daran, wie Helfen und Hilfe annehmen Ihr Team resilienter und produktiver machen kann.

Wibke Arnold

Coach & Organisationsentwicklerin

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Als "Generalistin mit Tiefgang" bricht Wibke Arnold eingefahrene Muster auf, gestaltet inspirierende Arbeitsumgebungen und verschlankt operative Prozesse – für einen individuellen Way of Work ohne Fokus auf Methoden-Hypes.

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