Überfrachtete Kalender, durchgetaktete Tage, eine Besprechung jagt die nächste. Keine Zeit, das Besprochene zu reflektieren und in Ruhe nachzudenken, geschweige denn, die beschlossenen Aufgaben zu erledigen. Viele Teams und Führungskräfte kennen dieses Muster.

Meetings sind fester Bestandteil des modernen Arbeitsalltags und richtig eingesetzt ein hilfreiches Format: Meetings können Zusammenarbeit strukturieren, den Informationsfluss vereinfachen, Silos verhindern, Transparenz schaffen, Beteiligung ermöglichen, kreative Ideen befeuern und Entscheidungen beschleunigen.

Doch in vielen Unternehmen haben sich Besprechungen zu einer Produktivitätsbremse entwickelt. Meeting-Marathon, Meeting-Overload, Meeting-Müdigkeit: Häufig beklagt, aber selten wirklich hinterfragt.

Meeting-Madness in Zahlen

23 Stunden pro Woche verbringen Führungskräfte durchschnittlich in Besprechungen, CEOs sogar bis zu 45 Stunden pro Woche.

71 Prozent der Teilnehmer finden, dass ihre Meetings ineffizient sind.

Ein Drittel aller Meetings wird als irrelevant für die eigene Arbeit eingeschätzt.

65 Prozent der Führungskräfte empfinden Meetings als Hindernis, weil sie von wichtigeren Aufgaben abgehalten werden.

51 Prozent der Beschäftigten machen regelmäßig aufgrund von Meetingterminen Überstunden.

76 Prozent der Beschäftigten fühlen sich an Tagen mit vielen Meetings besonders erschöpft.

Fast 60 Prozent der Meeting-Teilnehmer multitasken während Besprechungen.

Häufig wird Zeit investiert, ohne dass klare Ergebnisse entstehen. Diskussionen wiederholen sich, Entscheidungen werden von Meeting zu Meeting verschoben, der Fokus geht verloren. Es bleibt immer weniger Raum für konzentriertes Arbeiten. Zur wirtschaftlichen Ineffizienz kommen Erschöpfung und Frustration, den eigenen Arbeitstag nicht selbstbestimmt gestalten zu können. Damit wird die Meetingkultur auch zu einem HR-Thema, denn sie beeinflusst neben der Produktivität auch Zufriedenheit, Gesundheit, Motivation und Engagement.

Verstärker für die Meeting-Flut

Komplexität

Organisationen arbeiten heute vernetzter und interdisziplinärer. Es gibt mehr Schnittstellen und Entscheidungen betreffen selten nur ein Team oder eine Funktion, so dass der Abstimmungsbedarf wächst, um die Transparenz hoch zu halten. Meetings werden genutzt, um „alle abzuholen“ und den Informationsfluss sicherzustellen.

Absicherungsbedürfnis

Die Rahmenbedingungen für Unternehmen sind unplanbarer und dynamischer. Meetings werden zum Risiko-Management-Instrument, das der Unsicherheit entgegenwirken soll. Bei vielen Führungskräften entsteht aus Angst vor Fehlern auch ein Konsensdruck, Entscheidungen gemeinsam zu treffen. Gleichzeitig werden Entscheidungen häufiger vertagt – und liefern den Grund für das nächste Meeting.

Remote Work

Seit der Pandemie hat sich Zusammenarbeit massiv verändert. Durch Remote Work entfallen gewohnte Informationskanäle („Kaffeeküchen-Effekt“). Kommunikation und Austausch müssen stärker geplant werden und gerade in hybriden Setups ersetzen Meetings teilweise soziale Interaktion. Tools wie Teams, Zoom, Google Meet etc. machen es einfach, Meetings anzusetzen, verteilt arbeitende Personen einzuladen, kurzfristig Termine zu erstellen. Der Aufwand und die Transaktionskosten von Meetings sind stark gesunken. Gerade deshalb braucht es hier einen bewussteren Blick.

Weitere Dynamiken

Meetings werden selten hinterfragt, sondern einfach fortgeführt. Neue Gesprächsformate und Abstimmungsrunden kommen hinzu, ohne alte zu ersetzen. Aus Struktur wird so schleichend Überstruktur. Teilnehmende werden „zur Sicherheit“ eingeladen oder es gibt eine „Abo-Haltung“ von Mitarbeitenden (keine Kultur der Eigenverantwortung für die Informationsbeschaffung). Informationen werden aus Gewohnheit oder aus Bequemlichkeit via Meeting geteilt, statt sie in anderen Formaten zugänglich zu machen.

Teamprove Tipp

Vielleicht ist es Zeit für einen Perspektivwechsel. Nicht noch ein weiteres Meeting hinzufügen – sondern bewusst reduzieren. Wie wäre es passend zur Fastenzeit mit einem Meeting-Detox?

Meeting-Detox: Radikale Beschränkung auf das Notwendige

Der Begriff „Detox“ ist aus der Ernährungswelt bekannt: Es geht darum, Schädliches wegzulassen (oder durch etwas Wertvolleres zu ersetzen) und bewusst zu hinterfragen: Was tut gut – und was nicht? Der Verzicht auf bestimmte Lebensmittel hilft dabei, sich wieder bewusster zu ernähren und beispielsweise nicht mehr aus Langeweile, Gewohnheit oder Stress zu essen.

Auf Meetings übertragen: Unternehmen können lernen, zwischen notwendig und überflüssig, zwischen sinnvoll und problematisch zu unterscheiden. Denn Zeit, Gesundheit und Motivation von Mitarbeitenden und Führungskräften sind wertvolle Ressourcen. Unternehmen nehmen auch über ihre Meetingkultur und die Meetingqualität Einfluss darauf, wie bewusst, wertschätzend und wertschöpfend mit diesen Ressourcen umgegangen wird. Wofür Zeit investiert wird. Ob Meetings den einzelnen Teilnehmenden gut tun und das Team als Ganzes wirklich voranbringen.

Teamprove Tipp

An welchen Anzeichen erkennen Sie eine ungesunde Meetingkultur?

  • Viel Stille  und wenig Beteiligung
  • Teilnehmende sind gedanklich woanders oder erledigen parallel andere Aufgaben
  • Die gleiche Diskussion findet in mehreren Meetings statt
  • Meetings verlaufen ohne klaren roten Faden, es gibt keine Agenda und keine Moderation
  • Meetings fühlen sich nicht informativ oder inspirierend an, sondern werden nur als anstrengend empfunden.
  • Entscheidungen werden vertagt

Impulse für Ihr Meeting-Detox

Meeting-Review etablieren

Meeting-Detox ist ein Lernprozess. Gesprächsrunden, die gestern sinnvoll waren, können heute überholt sein. Führen Sie deshalb regelmäßige Reviews ein: Ist das Meeting noch notwendig? Welche Meetings würden wir heute nicht mehr einführen? Passen Frequenz und Dauer? Sind die richtigen Personen dabei?

Teilnehmer bewusst auswählen

Nicht jeder und jede muss überall dabei sein. Wer ist relevant für dieses Thema? Kleinere Gruppen arbeiten oft fokussierter und effizienter. amazon-Gründer Jeff Bezos beschränkt die Zahl der Meeting-Teilnehmer rigoros nach der Pizzaregel: „Wenn zwei Pizzen nicht ausreichen, ist das Meeting zu groß.“

Meeting-Zweck klar formulieren

Die wichtigste Frage wird in Meetings erstaunlich selten gestellt: Wozu sind wir eigentlich hier? Welches Ergebnis soll dieses Meeting liefern? Geht es um Information? Abstimmung? Entscheidung? Ideengenerierung? Wenn diese Frage nicht klar beantwortet ist, verliert das Meeting seinen Zweck. Jedes Meeting braucht ein Ziel, eine Agenda, eine Moderation. Ohne Struktur entsteht schnell Leerlauf. Ohne Moderation fehlt die Richtung.

Asynchrone Alternativen nutzen

Nicht jedes Thema braucht ein Meeting, nicht alles muss synchron besprochen werden. Schaffen Sie Orte, an denen Informationen für den relevanten Personenkreis zugänglich sind. Das erfordert Verbindlichkeit – von beiden Seiten! Informationen müssen zuverlässig zur Verfügung gestellt, aber ebenso zuverlässig und eigenverantwortlich abgerufen werden. Wichtig: Werden Informationen asynchron geteilt, wird das Meeting als Dialogformat wichtiger!

Teamprove Tipp

Mut zur Lücke!

Beginnen Sie mit kleinen, aber konkreten Schritten. Bewährt hat sich in den von uns begleiteten Unternehmen beispielweise ein meetingfreier Tag pro Woche oder ein meetingfreies Zeitfenster pro Tag. Auch konsequentes Timeboxing kann den Meetingkalender deutlich straffen.

Sie sind bereit für mehr? Dann führen Sie gemeinsam eine „Not-to-Meet“-Liste ein: Betrachten Sie den Meeting-Kalender einer exemplarischen Woche und kreisen Sie die fünf wichtigsten Meetings ein. Diese sind safe. Jetzt werfen Sie einen Blick auf die restlichen Meeting-Termine: Welche könnten Sie testweise pausieren? Seien Sie mutig und wählen Sie zwei oder drei Meetings aus, die Sie einfach mal streichen und beobachten, was passiert (meist weniger als Sie befürchten). Oft zeigt sich erst im Weglassen, was wirklich fehlt und was überbewertet wurde.

Agilität und Meeting-Detox – ein Widerspruch?

Eine naheliegende Gegenfrage lautet: Wenn agile Arbeitsweisen wie Scrum feste Meetings – sogenannte „Events“ – vorgeben, erhöht das nicht die Meetingflut?

Agile Meetings sind nicht per se gut oder schlecht. Ihr Wert entsteht erst durch ihre richtige Anwendung. Nehmen wir als Beispiel die Meetings im agilen Framework Scrum: Die vorgesehenen Events Daily, Planning, Review und Retrospektive sind gut durchdacht und sollen eigentlich ungeplante, ineffiziente Abstimmungen ersetzen. Jedes der klassischen Scrum-Events übernimmt eine wichtige Funktion: Synchronisation (Daily), Planung & Priorisierung (Planning), Feedback & Wertüberprüfung (Review), Lernen & Verbesserung (Retro).

Was in der Praxis stattdessen häufig passiert: Organisationen führen die agilen Formate ein, ohne bestehende Meetings zu hinterfragen. So entstehen parallele Strukturen: Daily plus Statusmeeting, Review plus Steering Committee, Retrospektive plus Lessons Learned. Häufig werden die Events auch ihrem zugedachten Zweck nicht gerecht, beispielsweise wenn das Daily zum Statusbericht wird oder ein Review zur langweiligen Präsentation.

Agile Meetings sind so lange sinnvoll, wie sie die Zusammenarbeit erleichtern, Orientierung geben und konkrete Ergebnisse hervorbringen. Sobald sie zur Routine ohne erkennbaren Mehrwert oder zur zusätzlichen Belastung werden, sollten sie hinterfragt werden. Erfahrungsgemäß ist meist weniger das Framework das Problem, sondern seine Umsetzung.

Fazit

Meetings sind ein zentrales Werkzeug der Zusammenarbeit. Aber wie jedes Werkzeug entfalten sie nur dann Wirkung, wenn sie bewusst eingesetzt werden. Die Frage ist nicht, ob wir Meetings brauchen. Sie sind unverzichtbar – aber die Meetingkultur und Meetingkonzeption entscheidet, ob sie Zeit rauben oder Wert schaffen. Ein Meeting-Detox ist keine „Nulldiät“ und bedeutet nicht Verzicht, sondern Fokus. Nicht weniger Austausch, sondern besseren. Eine gute Meetingkultur braucht nicht sofort die perfekte Lösung, sondern die Bereitschaft, Gewohnheiten zu hinterfragen und das Mindset, wertschätzend mit Zeit umzugehen. Es ist ein Lernprozess, der sich lohnt – auf verschiedenen Ebenen: für mehr Produktivität, mehr Motivation, mehr Gesundheit.

Lese-Tipp

„Wenn die Meetings nicht wären, würde ich meinen Job doppelt so gerne ausüben.“ Kommentare wie diese motivierten Unternehmensberater und Bestseller-Auto Patrick Lencioni schon vor über 20 Jahren zu seiner Management-Fabel „Death by Meeting“. Anhand einer fiktiven Erzählung um CEO Casey McDaniel zeigt Lencioni, wie Meetings von quälenden zu produktiven, fesselnden und sogar motivierenden Veranstaltungen gemacht werden können. Ein humorvoller, unorthodoxer und inspirierender Klassiker für Führungskräfte, die ihre Besprechungskultur verbessern wollen. Viele der beschriebenen Probleme und Muster sind erstaunlich zeitlos. Gibt’s als Buch und Hörbuch.

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Fasziniert von agilen Methoden begleitet Matthias Pauers Führungs­kräfte auf dem Weg zum „Agile Leader“ und unterstützt Organisationen beim Change Management. Seine Schwer­punkte sind Unternehmens­kultur und Führung, Coaching, Anforderungs­management und Design Thinking.

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