Am 30.04.2021 fand der 29. Scrumtisch statt, mit dem spannenden Thema „Grenzen der Scrum-Master-Rolle: Respektieren oder durchbrechen?” Für alle, die diesmal nicht dabei sein konnten, gibt es hier eine kurze Zusammenfassung unserer Diskussion.

Diesmal waren 11 Teilnehmer:innen mit dabei – vielen Dank, es war sehr anregend, mit vielen Impulsen für die Arbeit als Scrum Master:in! Bewährt hat sich bei der etwas größeren Gruppe unser Remote-Meeting-Tool “Teamprove Meet” (die Illustrierung des Artikels zeigt einen Screenshot unserer Scrumtisch-Runde).

Wir sind in die Diskussion eingestiegen mit der Frage, welche Grenzen der Scrum-Master-Rolle durch die Organisation gesetzt werden, beispielsweise “zu wenig Zeit” oder andere strukturelle Hürden.

Im Anschluss haben wir uns der Frage nach den Grenzen im Handeln von Scrum Master:innen gestellt. Ein Punkt, der sofort genannt wurde und schnell viel Zustimmung erhielt: Scrum Master:innen sind Coaches, aber keine Therapeut:innen – nicht nur, weil die meisten dafür nicht die nötige Ausbildung mitbringen, sondern weil die Aufgaben der Therapeuten-Rolle den Kontext sprengen.

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Lesetipp

Mehr zur Coach-Rolle von Scrum Master:innen finden Sie im Blogartikel meiner Kollegin Sabrina Tratsch “Agil zertifiziert - und nun?”
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Als weitere Grenze identifizierten wir, dass Scrum Master:innen keine disziplinarische Funktion übernehmen sollten – nur so ist eine echte und vor allem ungetrübte Vertrauensbasis möglich. Bei Vorgesetzten, der über Gehälter, Entlassungen und Beförderungen entscheidet, agieren Mitarbeiter meist nicht uneingeschränkt offen, bei Scrum Master:innen hingegen muss dies möglich sein. Nichtsdestotrotz kann und sollte ein Scrum Master involviert werden, wenn es darum geht, dass jemand nicht ins Team passt – aber immer gemeinsam mit dem gesamten Team und unter Beteiligung einer disziplinarischen Führungskraft. Das letzte Mittel – die Entlassung – liegt grundsätzlich im Entscheidungsbereich der disziplinarischen Führungskraft, hier sahen wir einstimmig eine Grenze der Scrum-Master-Rolle.

Spannend war auch die Frage nach Erfahrungen beim Durchbrechen von Regeln, beispielsweise wenn es darum geht, definierte Prozesse nicht einzuhalten, um Ergebnisse früher, schneller und stabiler liefern zu können.

Häufig kommt es vor, dass Scrum Master:innen bewusst oder unbewusst gegen Regeln verstoßen oder zum Regelverstoß motivieren. In der Diskussion waren wir uns einig, dass es in diesem Kontext wichtig ist, den gesunden Menschenverstand zu nutzen: Regelverstöße können durchaus sinnvoll sein, wenn man sich sicher ist, mit dem Regelbruch einen Erfolg zu erzielen – oder wenn es in Ordnung ist, es zumindest zu versuchen (immer abhängig von der Fehlerkultur der Organisation).

Grundsätzlich war das Thema “Regeln” nicht einfach, da es meist neben expliziten Regeln auch unausgesprochene implizite Regeln gibt. Die Frage ist generell, welche Regeln allen bekannt sind und welche gelebt werden. Wir sahen die Retrospektive als idealen Ort, um Regeln gemeinsam zu prüfen und zu ändern – bei Bedarf auch mehrmals anzupassen (“Inspect & Adapt”).

Im Zusammenhang mit Regeln wurden wir dann noch etwas philosophisch: Wir haben über das Prinzip des ShuHaRi gesprochen und ob wir damit irgendwann keine Regeln mehr brauchen. Denn wenn aus gemeinsam gelebten Werten Regeln und Prinzipien abgeleitet werden können, sind keine definierten Werte und Regeln mehr nötig. Ein gutes Beispiel sind die Scrum-Werte: Wenn Teams und Organisationen danach leben und arbeiten, müssen sie die positive Fehlerkultur nicht in Regeln festhalten, sondern leiten diese direkt und intuitiv von den Werten ab.

Ein kleiner Exkurs war die Frage, ob sich Scrum Master:innen auch fachlich “einmischen” dürfen, d.h. ob der Schwerpunkt der Scrum-Master-Rolle auf Beratung oder auf Coaching liegt. Grundsätzlich waren wir uns einig, dass Coaching vorzuziehen ist, da es erfahrungsgemäß nachhaltigere Ergebnisse liefert – dafür aber ein langsamerer Prozess ist als Beratung. Es bleibt allerdings eine “Es kommt darauf an”-Antwort, da die Wahl zwischen Beratung und Coaching stark von der aktuellen Situation und dem Entwicklungsstand des Teams bzw. der Organisation abhängt (“8 Stance of a Scrum Master” von Barry Overeem).

Vielen Dank an alle Teilnehmer für den regen Austausch – wir freuen uns auf den nächsten Scrumtisch am 28.5.2021 zum Thema „Motivatoren der Scrum-Master-Rolle: Warum wir unseren Job lieben“.

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Ziel von Chris Krumm ist es, Teams zu bilden, die produktiv und mit Spaß arbeiten. Sein Ansatz: die Organisation als ein großes Team mit einem gemeinsamen Ziel. Seine Leidenschaft: Die Moderation von (Groß-)Gruppen. Dabei setzt der Pädagoge, Coach und Agile Coach auf die kreative Kraft der Gruppe und ein agiles Mindset.

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