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Scrum Master Pairing: Von Kollegen lernen

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„In 3 Tagen zum Scrum Master“: Tatsächlich ist für die Zertifizierung zum Scrum Master meist nur ein dreitägiger Workshop und das Bestehen des schriftlichen Abschlusstests nötig. Aber macht dieses Zertifikat – egal ob CSM (Scrum Alliance) oder PSM (scrum.org) – bereits einen guten Scrum Master? Nein. Das Zertifikat bestätigt, dass das nötige theoretische Basiswissen zum Scrum Guide vorhanden ist. Nicht mehr und nicht weniger. Das Zertifikat ist keine Ausbildung und garantiert nicht, dass die gelernte Theorie erfolgreich in die Praxis umgesetzt werden kann. Die Enttäuschung ist vorprogrammiert, wenn Unternehmen erwarten, dass es nach dem Workshop „läuft“. Um ein guter Scrum Master zu werden, benötigt es Zeit, Lern- und Verbesserungsbereitschaft und idealerweise die Wegbegleitung durch erfahrene Kollegen. Ich möchte Ihnen in diesem Blogartikel Scrum Master Pairing vorstellen, eine spezielle Form der kollegialen Fallberatung, mit der ich in der Scrum-Master-Praxis gute Erfahrungen gemacht habe.


Für wen ist Scrum Master Pairing sinnvoll?

Unterstützung im Alltag ist insbesondere für frischgebackene Scrum Master unerlässlich, denn viele Anfängerfehler lassen sich ohne Feedback von außen selbst nur schwer erkennen. Der Austausch mit „alten Hasen“ hilft, schneller ein Set an Lösungsansätzen für typische Probleme aufzubauen und beschleunigt so die Lernkurve enorm.

Aber auch für erfahrene Scrum Master können regelmäßige Impulse von außen die Arbeit verbessern – Stichwort Continuous Improvement. Scrum Master Pairing eignet sich hervorragend als kurzfristige Hilfestellung in schwierigen Situationen, beispielsweise wenn persönliche Konflikte zwischen Scrum Master und Team oder mit Stakeholdern auftreten oder wenn Projekt- und Betriebsblindheit eine Weiterentwicklung blockieren.


Was ist Scrum Master Pairing genau?

Scrum Master Pairing ist ein Instrument, das sich an der kollegialen Fallberatung orientiert: Ziel ist die Entwicklung von Lösungen für konkrete Praxisfragen im Sinne einer agilen Unterstützungskultur. Kollegen helfen sich gegenseitig, indem sie offen mit Fragen und Unsicherheiten umgehen, ihr Wissen teilen und voneinander lernen. Dabei geht es nicht um Gespräche zwischen Tür und Angel, sondern das Scrum Master Pairing ist ein systematisches kollegiales Coaching, das rund 60 Minuten dauert.


Wie läuft ein Scrum Master Pairing ab?

Wichtig ist, dass Coach und Coachee zusammenpassen und ein klares Bekenntnis des Coachees zum Coach erfolgt – eine wichtige Basis für eine vertrauensvolle und wertschätzende Arbeitsbeziehung. Der Coachee muss sich wohl fühlen und Schwierigkeiten offen ansprechen können. Das Scrum Master Pairing findet in einem ruhigen Raum unter vier Augen statt. Die Sitzgruppe ist so zu wählen, dass sich Coach und Coachee ansehen und unterhalten können.

Ein Scrum Master Pairing wird durch Fragetechniken unterstützt – wir haben hier sehr gute Erfahrungen mit Methoden aus dem systemischen Coaching gemacht: Die Lösungsfindung erfolgt durch den Coachee selbst, aber der coachende Scrum Master erweitert den Lösungsraum durch geeignete Fragen und Visualisierungstechniken. Der Fokus liegt also nicht auf Lösungsvorschlägen des Coachs im Charakter konkreter Ratschläge oder Belehrungen („Du solltest endlich mal…“, „Warum hast du eigentlich noch nicht…?“), sondern auf dem gemeinsamen Reflektieren und neuen Sichtweisen und Impulsen.

Nachdem das konkrete Ziel der Coachingstunde geklärt ist, stellt der Coachee seinen Fall möglichst kurz und nachvollziehbar vor. Anschließend fragt der Coach nach, stellt sicher, dass er das Anliegen richtig verstanden hat und visualisiert den Gesprächsprozess beispielsweise durch Moderationskarten (in meinen Scrum Master Pairings nutze ich dafür einen großen Tisch, ein Whiteboard oder eine entsprechend große Bodenfläche).

  

Zum Abschluss der Coachingstunde empfehle ich eine kurze Reflektion des Fortschritts hin zu einer Lösung (z.B. von 0 bis 10 / 10 = sehr gut) sowie die Auswahl der Top 3 Ideen durch den Coachee, die er umsetzen möchte.


Organisation eines Scrum Master Pairings

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, Scrum Master Pairing als Teil des organisationalen Lernens einzusetzen. Für Junior Scrum Master (Erfahrung < 2 Jahre) ist eine regelmäßige Betreuung in Form von 1 Stunde wöchentlich sinnvoll, aber auch für erfahrene Scrum Master sollte mindestens einmal monatlich die Möglichkeit bestehen, ein Scrum Master Pairing in Anspruch zu nehmen, beispielsweise in Form fallbezogener Anfragen innerhalb der unternehmensinternen „Agile Community“.

Können Scrum Master für ein Scrum Master Pairing nicht auf Kollegen im eigenen Unternehmen zurückgreifen, macht ein externes Coaching Sinn – beispielsweise falls das nötige Erfahrungswissen für spezielle Fragestellungen nicht im Unternehmen vorhanden ist oder wenn Konflikte unter den Scrum Mastern ein respektvolles Coaching erschweren.

Tipp: Auch Online-Coaching ist eine gute Möglichkeit, regelmäßige Scrum Master Pairings durchzuführen! Unsere erfahrenen Agile Coaches coachen mittlerweile einige der von uns betreuten Scrum Master „remote“ – ein smarter Ansatz, der Zeit und Kosten spart und auch bei akuten Fragestellungen schnelle Reaktionszeiten ermöglicht. Mehr über unser Coachingangebot 

 

Kurz zusammengefasst: Die Vorteile von Scrum Master Pairing

  • Scrum Master Pairing fördert die Eigeninitiative und den Gruppenzusammenhalt. Scrum Master erfahren, dass sie sehr viele Probleme aus eigener Kraft lösen können, wenn sie das Wissen der Gruppe nutzen. 
  • Sichtweisen von außen helfen, die eigene Perspektive zu hinterfragen, das Problem besser zu verstehen und gezielt Lösungen zu entwickeln.
  • Scrum Master Pairing führt im Sinne eines systematischen „Inspect & Adapt“-Ansatzes zu einer kontinuierlichen Kompetenzerweiterung.


Über Coachings hinaus empfehle ich Scrum Mastern unabhängig von ihrem Erfahrungsstand den kontinuierlichen Austausch mit anderen Scrum Mastern, sei es in Communities of Practice, auf Kongressen, meet-ups oder Scrumtischen.

Tipp: Teamprove bietet einmal monatlich einen offenen Online-Scrumtisch an, auf dem wir wechselnde agile Fragestellungen diskutieren. Der nächste Teamprove Scrumtisch findet am 29.11.2019 zum Thema „Scrum, Kanban oder Scrumban?“ statt – Sie sind herzlich eingeladen!
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