„Nichts ist so beständig wie der Wandel.“ Dieser Ausspruch wird schon von Heraklit von Ephesus aus der Zeit 535-475 v. Chr. überliefert. Und so sind auch die aktuell sehr spürbaren Veränderungen letztendlich nur Teil einer sich ständig wandelnden Welt. Der einzige Unterschied ist, dass wir es sind, die betroffen sind. Nicht unsere Vorfahren, nicht unsere Nachkömmlinge. So ist das mit Veränderungen – wir nehmen sie intensiver wahr, wenn wir sie am eigenen Leib erfahren.

Häufig taucht in diesem Zusammenhang auch der Begriff “Wertewandel” auf. Aber was bedeutet das? Worauf beziehen sich Werte? Wer definiert sie? Und von wo aus wandeln wir Werte und wohin?

Wertewandel im historischen Kontext

Um das Thema Wertewandel besser zu verstehen, hilft es, die Werte-Entwicklung im historischen Kontext zu betrachten. Selbst beim Fokus auf die gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland vom zweiten Weltkrieg bis heute wird deutlich, dass Wandel schon immer da war. Dabei stellt dieser Ausschnitt nur einen sehr kleinen Teil der Werte-Entwicklung dar, wenn man sich klar macht, dass sich in dieser Zeitspanne auch andere Länder – vielleicht auf andere Weise – verändert haben, ganz zu schweigen von den Veränderungen in den Jahrtausenden davor.

Was verstehen wir unter Werten?
Werte tragen in sich verschiedene Definitionen, Kontexte und Messbarkeiten, was das Verständnis von Wertewandel komplex macht. Die marxistische Definition versteht Werte als “in einer Ware vergegenständlichte, als Tauschwert erscheinende gesellschaftliche Arbeit, deren Maß die gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit ist” (Definitions from Oxford Languages). Aus der ethischen Ecke werden Werte eher als “tief-verwurzelte, bedeutsame und durchdringliche Überzeugungen, Haltungen (Einstellungen), Ideale und Bedürfnisse, welche gewöhnlich von den Mitgliedern einer Gesellschaft auf unbestimmte Zeit individuell geteilt werden und zumeist das unvermeidlich Gute oder Schlechte betreffen” verstanden (https://ethik-unterrichten.de/lexikon/werte/).

Beginnen wir bei der Nachkriegszeit in Deutschland. Diese war geprägt von Wiederaufbau und es ging darum, das Chaos und die materielle Zerstörung in einem im wahrsten Sinne zerschossenen Land zu beseitigen. Es gab wenig Raum für individuelle Entwicklung, sondern eine gesamte Gesellschaft musste sich wieder aufbauen. Es brauchte möglichst einfache, solide Prozesse, um die Sehnsucht nach Stabilität zu erfüllen. Die Werte, die in dieser Zeit sicherlich im Vordergrund standen, waren neben Stabilität und Beständigkeit auch materielle und wirtschaftliche Sicherheit.

Der anschließende wirtschaftliche Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre zahlte genau darauf ein. Die hinzukommenden Werte waren soziale Absicherung, die “Gewinnorientierung mit sozialem Ausgleich verbinden” wollte. Auch hier standen gesellschaftlich die übergeordneten materiellen und sicherheitsorientierten Werte im Vordergrund, die nun aber auch die soziale Absicherung u.a. im Fall von Krankheit und Arbeitslosigkeit mit einschlossen.

Die ersten individuellen, sich vom Kollektiv lösenden oder befreienden Werteforderungen kamen mit der sogenannten 68er-Bewegung. Die geschaffene Stabilität der Nachkriegszeit wurde nun als starr und einengend empfunden. Der zunehmende Wohlstand ermöglichte es, sich auch um Themen zu kümmern, die evolutioniert werden mussten. Die Frauenbewegung mit ihren Forderungen nach gleichwertiger Behandlung ist eines dieser Themen. Die Werte, die zumindest in den individuellen Bereichen wichtiger wurden, sind Freiheit, Entwicklungsmöglichkeiten und zunehmende Selbstbestimmung – auch in politischen Fragen, wie der Protest gegen den Vietnamkrieg zeigt.

Wirtschaftlich sind die Veränderungen deutlich, vor allem in den Achtziger Jahren. “Weg von mehr Staat, hin zu mehr Markt; weg von kollektiven Lasten, hin zur persönlichen Leistung; weg von verkrusteten Strukturen, hin zu mehr Beweglichkeit, Eigeninitiative und verstärkter Wettbewerbsfähigkeit” heißt es in der Regierungserklärung von Bundeskanzler Kohl im Jahre 1983. Übersetzt bedeutet dies, dass das Verständnis von Gemeinschaft und einem gemeinsamen Anpacken, das die Generationen unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg geprägt hat, nun auch wirtschaftlich aufgebrochen und individualisiert wird. Das erzeugte eine andere Dynamik in den Unternehmen. Leistung und Konkurrenz, Messbarkeit und die extensive Massenproduktion prägten diese Zeit und ihr Werteverständnis. Viel Leistung mit höchstmöglicher Effizienz waren die Werte, die auch mit ins 21. Jahrhundert getragen wurden.

Typisch für das neue Jahrtausend ist der vom Media-Saturn-Slogan “Geiz ist geil” verkörperte Wert, also möglichst viel für möglichst wenig. Die immer schnellere Technologisierung, die globale Verfügbarkeit von Gütern und Dienstleistungen und die Verlagerung der Produktionsstätten in billigere Standorte befeuerten diese Mentalität. Von den einstigen Werten des Kollektivs, das gemeinsam ein ganzes Land und eine Wirtschaft wieder aufbaut, war nicht mehr viel zu erkennen.

Einen ordentlichen Dämpfer erhielt diese “Höher, schneller, weiter”-Gesellschaft dann durch die von der Hybris der Finanzmärkte ausgelöste Wirtschaftskrise im Jahr 2008.

Wohin diesmal?

Aktuell führt uns – neben vielen anderen Faktoren – die Digitalisierung wieder in einen Wertewandel. New Work, flexiblere Arbeitsmodelle, der Wunsch nach individuellen Arbeitsorten wie Mobile Office und Homeoffice bewegen die Gesellschaft und damit die Unternehmen. Starre, sicherheitsorientierte Arbeitsbedingungen, berufliche Statussymbole und feste Arbeitszeiten verlieren gerade in der jüngeren Generation deutlich an “Sex-Appeal”. Die neuen Werte sind familienfreundliche Arbeitsmodelle, Auszeiten, eine gute Work-Life-Balance und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung – ein Werteverständnis, das der Generation unserer Großeltern sicherlich nicht in den Sinn gekommen wäre.

Warum ich so weit aushole?

Um deutlich zu machen, dass Werte und Wandel immer präsent sind und eng mit den gesellschaftlichen und wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen zusammenhängen.

Dass wir eine flexiblere und individuelle (Arbeits-)Welt fordern, ist gut so! Denn es zeigt, dass wir uns zumindest in Teilen der Gesellschaft nicht mehr auf der Ebene der Existenzsicherung in der Maslowschen Bedürfnispyramide befinden.

Bedürfnispyramide nach Maslow

Bildnachweis: PNG by Philipp Guttmann, SVG by Jüppsche, Public domain, via Wikimedia Commons

Wir haben es im Lauf der letzten Jahrzehnte ganz nach oben auf die Ebene der Selbstverwirklichung geschafft. Und jetzt gehen wir noch einen Schritt weiter. Im besten Fall verbinden wir das gesellschaftliche Gemeinwohl mit der Möglichkeit, uns individuell zu entfalten, und beginnen uns zu engagieren – beispielsweise gegen das aktuelle Phänomen der sozialen Spaltung. Viele neue Unternehmen gründen sich als soziales Business und möchten mit ihrem wirtschaftlichen Tun auch übergeordneten Problemen und Herausforderungen unserer Zeit begegnen und mitwirken, diese zu lösen. Auch etablierte Unternehmen setzen sich immer häufiger mit nachhaltigen Fragestellungen auseinander – nicht zuletzt ausgelöst durch die Sustainable Development Goals, die 2015 von der Weltgemeinschaft in der Agenda 2030 verabschiedet wurden. Die Digitalisierung ermöglicht es uns, diese Ideen zu vernetzen und in größere Bewegungen zu verwandeln.

Diese kleine Zeitreise zeigt: Wertewandel ist kein neues Phänomen. In jeder Generation und in jedem Zeitalter geht es darum, wie wir unsere Werte definieren und vorantreiben. Vielleicht ist die Forderung nach individuellen Arbeitsmodellen mehr als das Bedürfnis nach freier Entfaltung, sondern Teil einer Vision, diese Welt gemeinsam zu gestalten. Dann reicht unsere Generation der Generation unserer Großeltern wieder die Hand und wir verbinden deren Mühe um den Wiederaufbau mit dem Geschenk der persönlichen Freiheit auf kollektiver Ebene. Wir dürfen gespannt sein!

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Mit rund 20 Jahren Transformationserfahrung in verschiedenen Rollen begleitet Sonja Maria Fabião Unternehmen bei der Entwicklung gesunder Strukturen, Teams und Individuen. Ihr wichtigstes Toolset: ein starkes Wertefundament, Empathie, Kommunikation und die Fähigkeit zum Perspektivenwechsel.

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