Es gibt diesen einen Satz vom Dalai Lama, der mich als Mutter nicht mehr loslässt: „Einmal im Jahr solltest du einen Ort besuchen, an dem du noch nie warst.“ Das ist unsere Mission. Als gelernte Touristikassistentin ist es mir ein inneres Bedürfnis, meinen Kindern so viel wie möglich von dieser Welt zu zeigen. Dieses Jahr sollte es in den Norden gehen: Dänemark, Norwegen und Schweden. Vier Wochen lang, mit dem Auto und unserer Hündin.
Klingt nach einem Traum. Doch als wir unser Vorhaben bei unseren Familien und Freunden ansprachen, ernteten wir nicht nur Vorfreude, sondern auch Unverständnis. Wir sind mitten hineingestolpert in das, was man aktuell wohl als den größten Generationenkonflikt unserer modernen Arbeitswelt bezeichnen kann.
Von verstaubten Ansichten und dem Wunsch, unseren Kindern die Welt zu zeigen
Die Reaktion der älteren Generationen war absehbar: „Vier Wochen? Da ist doch der gesamte Jahresurlaub weg! Und wer macht in der Zeit deine Arbeit? Das geht doch nicht.“
Aus ihrer Sicht verständlich. Früher hieß es: entweder du bist im Urlaub und komplett weg, oder du sitzt am Schreibtisch und arbeitest. Dazwischen gab es nichts.
Das passt allerdings nicht ganz zu unserer Vorstellung. Wir wollen die Welt sehen, aber wir kennen auch die Realität: Wer vier Wochen komplett von der Bildfläche verschwindet, ist schon wieder urlaubsreif, wenn der Berg an liegengebliebener Arbeit aufgearbeitet ist.
Für unsere beiden Arbeitgeber war das wiederum überhaupt kein Thema. Ganz im Gegenteil, sie wünschten uns sogar viel Spaß und warten gespannt auf unsere Erfahrungsberichte. Da das geklärt war, stand unserer Workation, der Verschmelzung von Arbeiten und Reisen, nichts mehr im Weg. Nun galt es nur noch die Skeptiker zu überzeugen ;)
Was aktuelle Zahlen über das Vertrauens-Drama sagen
Dass dieser Konflikt kein Bauchgefühl ist, sondern auf harten Fakten basiert, zeigt die ganz aktuelle Cisco Global Hybrid Work Study 2025. Die Zahlen legen den Finger tief in die Wunde des gegenseitigen Unverständnisses:
Das Vertrauens-Problem: 77 % der Mitarbeiter sind überzeugt, dass starre Präsenzpflichten im Büro nur existieren, weil Chefs ihren Mitarbeitenden im Homeoffice oder auf Workation nicht vertrauen. Absurd daran ist, dass 81 % der Arbeitgeber in derselben Studie offen zugeben, dass genau dieses mangelnde Vertrauen der Treiber für ihre Regeln ist.
Der Chef-Faktor: Über 83 % der Befragten bestätigen, dass es vor allem die älteren Führungskräfte sind, die auf die Präsenzpflicht im Büro pochen, während die jüngeren Generationen nach Remote-Modellen drängen. Während die einen „Anwesenheit“ mit Leistung gleichsetzen, definieren andere Arbeit über das Ergebnis. Dabei spielt es keine Rolle, von wo aus wir den Laptop herunterfahren.
Hinzu kommt, dass das Misstrauen der Boomer-Chefs völlig unbegründet ist. Laut der Studie erleben Mitarbeiter in vollflexiblen Modellen einen Produktivitätszuwachs von stolzen 28%. Wir arbeiten im Norden also nicht weniger, wir arbeiten effizienter.
Morgens Mails, nachmittags Urlaub
Wie viele andere Millennials sitze ich zwischen den Stühlen. Wir verstehen ja, warum die älteren Kollegen im ersten Moment nervös werden, wenn das Büro leer bleibt – so sind sie eben aufgewachsen. Aber wir fühlen auch, was die Gen Z heute einfordert. Wir wollen auch nicht erst im Ruhestand anfangen, die Welt zu entdecken. Flexibel arbeiten zu können ist für uns kein nettes Extra mehr, sondern einfach zeitgemäß.
Deshalb wagen wir das Experiment. Wir nehmen unsere Kunden und Projekte einfach mit nach Skandinavien. Während die Kinder ausschlafen und ihrem Spieldrang nachgehen können, nutzen wir diese Zeit für den Job. Wenn es so läuft wie geplant, gewinnen alle. Unsere Kunden, weil wir erreichbar bleiben. Unsere Arbeitgeber, weil wir dieses Geschenk zu schätzen wissen – und das auch in Form von Motivation und Einsatz zurückgeben werden. Unsere Kinder, weil sie die Welt sehen. Und wir, weil wir den Mut hatten, den verstaubten Glaubenssätzen der alten Arbeitswelt den Rücken zu kehren.
Und wie sieht die Realität in den Unternehmen aus?
Meine Motivation und meine Erfahrungen sind natürlich subjektiv. Entscheidend ist nicht, wie sich eine einzelne Workation anfühlt oder wie wir das Thema bei Teamprove handhaben, sondern was sich über die ganze Arbeitswelt hinweg beobachten lässt.
Denn dort setzt Workation als eines von vielen Good-Work-Elementen an: Gute Arbeitsbedingungen entstehen, wo Flexibilität bewusst gestaltet wird, wo Wünsche und Bedürfnisse von ArbeitnehmerInnen ernst genommen werden. Wo Arbeitgeber nicht reflexhaft „Funktioniert bei uns nicht“ sagen, sondern wirklich prüfen, was möglich ist. Workation ist dafür ein spannendes Beispiel. Sie steht sinnbildlich für eine Arbeitswelt, in der ein veränderungsoffener Dialog geführt wird: Was brauchen unsere Mitarbeitenden, um gute Arbeit leisten zu können? Was ist in unseren Unternehmen machbar? Und auch: Wie profitieren wir als Unternehmen davon? Denn das Verhandeln von Wünschen ist immer ein Geben und Nehmen, auch zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern.
Die Zahlen zeigen: Zwischen Wunsch und Wirklichkeit besteht noch eine deutliche Lücke. Viele Beschäftigte interessieren sich für Workation, vergleichsweise wenige Unternehmen bieten sie tatsächlich an. Gleichzeitig spricht vieles dafür, dass sich der Aufwand lohnt: Wer Workation sauber regelt, stärkt nicht nur die Flexibilität seiner Mitarbeitenden, sondern investiert auch in Motivation, Bindung und Arbeitgeberattraktivität. Ja, es gibt organisatorische und rechtliche Fragen – die sich aber mit überschaubarem Aufwand regeln lassen.
Sie suchen einen kompakten Überblick über den Status quo, die Potenziale und die wichtigsten Rahmenbedingungen? Wir haben ein kleines „Cheatsheet Workation“ für Sie erstellt.






